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Skitourenausfahrt

Madrisa

05.02.2026

Jochen durchlebt heute den Alptraum jedes Tourengehers: eine Schneebrettlawine. Zwei Kamerad*innen werden mitgerissen und verschüttet, und außer zweier herrenloser Ski auf dem Lawinenkegel ist nichts mehr von ihnen zu sehen. Aufgelöst und unter Schock rennt Jochen zu einer Gruppe vespernder Skifahrer*innen und bittet um Hilfe. Zu seinem großen Glück sind diese routiniert und bestens ausgebildet in der Kameradenrettung; Andrea beginnt sofort mit der Suche. Signal! Die Augen auf das Display gerichtet, folgt Andrea den Feldlinien: fünf Meter, zwei Meter, noch einer. Dann steht sie wieder vor Jochen, der vor Aufregung und Schock dummerweise sein LVS-Gerät noch auf „Senden“ hat. Jetzt keine Zeit mehr verlieren: alle Geräte auf „Suche“, auf die echten Signale einkreuzen, sondieren, und das Schaufeln geht los. Nach 9 Minuten und 25 Sekunden sind die beiden Opfer freigelegt und hätten laut Statistik beste Überlebenschancen – wenn es sich bei ihnen nicht nur um zwei als Attrappen umfunktionierte Rucksäcke handeln würde. Auch Jochen ist in Wirklichkeit kein geschockter Zeuge eines Lawinenabgangs, sondern ein DAV-Kursleiter mit unleugbarem Schauspieltalent, und die eilfertige Gruppe an Helferinnen sind natürlich die Teilnehmerinnen der Karlsruher Skitourenausfahrt auf die Madrisahütte.

Dass es überhaupt genug Schnee für Lawinen geben sollte, daran hatten die Teilnehmer*innen bei der Anreise am Vortag noch ihre Zweifel. In einer Schrunser Bäckerei erholte sich die Gruppe zunächst von der straff getakteten Zugfahrt aus Karlsruhe und so mancher beobachtete mit bangem Blick die dünne Schneedecke auf den Hängen. Nach der Busfahrt nach Gargellen und dem 250‑hm‑Aufstieg zur Hütte in der warmen Mittagssonne hatten aber alle wieder ein Lächeln auf den Lippen und freuten sich auf die kommenden drei Tourentage.

 

An dieser Stelle ein kleiner Hinweis: Eigentlich kennt das Tourenprogramm des DAV keine Pauschalreisen. Wenn jedoch Erik die Organisation übernimmt und Christine die kulinarische Verpflegung, gelten diese Grundsätze nur bedingt: Abend für Abend trugen die Teilnehmer:innen beachtliche Teile des Gargellner Dorfladens auf die Hütte (Merke: Ein Einkaufswagen entspricht zwei Rucksäcken), wo Christine gemeinsam mit Helfer:innen daraus köstliche Dreigängemenüs zauberte, die die skifahrerischen Kräfte zuverlässig wiederherstellten. Die Düfte dieser Küche müssen so verlockend ins Tal gezogen sein, dass sich bald ein Wanderer zur Madrisahütte „verirrte“ und kurzerhand bei uns einkehren wollte.

Im kuscheligen Gemeinschaftsraum der Hütte, die Bäuche voll mit vegetarischer Bolognese und konzentriert über die Topokarten gebeugt, wurde die Tour für den nächsten Tag geplant. Der erwartete Schneemangel, die schlechte Wettervorhersage und die angespannte Lawinenlage (Warnstufe 3) schränkten die Routenwahl etwas ein. Schließlich entschied sich eine Gruppe für den Schneeberg mit einem Aufstieg von Süden über das Wintertal und einer möglichen Abfahrt auf der Nordseite ins Vergaldatal. Die andere Gruppe plante eine LVS-Übung bei der auf 2 200 hm gelegenen Zollhütte.

Erik: „Vor acht ist eigentlich zu früh, und nach acht ist ganz schlecht.“ Punkt acht Uhr also schnappten vor der Madrisahütte die Pinbindungen zu und die Schneeberggruppe ging bei dichten Wolken und leichtem Schneefall auf dem langen Ziehweg los Richtung Wintertal. Wie am Abend zuvor vereinbart, übernahm abschnittsweise jeweils eine Kursteilnehmer:in die Führung und damit die Hauptverantwortung für die Spuranlage und die Bewertung der Lawinensituation.

 

Als nach der ersten Geländestufe auf 2200 hm der Schneeberg zum ersten Mal in Sicht war, waren wir erleichtert, dass die niedrig hängenden Wolken ihn noch nicht ganz verschluckt hatten. Gute Sicht war als Kriterium dafür festgelegt worden, ob an der Nordseite abgefahren werden kann. Die Aussicht auf ein Gelingen dieses Plans spornte uns zusätzlich an. Im flachen Bereich 250 hm unter dem Gipfel erinnerten deutliche Wummgeräusche noch einmal an die Bruchgefahr. Unter Berücksichtigung der günstigen Hangexposition und mäßigen Steilheit ergab das Lawinenmantra aber ein vertretbares Risiko für den verbleibenden Aufstieg zum Joch. Tina spurte über den flachsten Teil des Südosthangs, und der Rest folgte mit Entlastungsabständen. Nach wenigen Spitzkehren entschieden sich die meisten doch noch, die Harscheisen anzulegen.

Auf dem Joch angekommen, waren es nur noch ein paar Meter bis zum Gipfel; nur für die letzten Schritte mussten die Ski abgeschnallt werden. Das kleine Felsennest daneben war wie für eine Vesperpause geschaffen, und einige hätten sich direkt zu einem Mittagsschlaf zusammengerollt, wäre da nicht noch die Aussicht auf eine anspruchsvolle Abfahrt ins Vergaldatal gewesen. Nachdem die ersten steileren Stufen des Nordhangs eher defensiv bewältigt worden waren, hatten wir wider Erwarten viel unverharschten Schnee unter den Skiern. Die Abfahrt über den folgenden sanften, kupierten Hang hätte man bei besserem Wetter und besserer Sicht fast als Genussabfahrt bezeichnen können.

Am Talboden angelangt, fuhren wir über den Wirtschaftsweg am Vergaldenbach Richtung Vergalda und weiter nach Gargellen ab, um die Rucksäcke im Gargellner Dorfladen zu befüllen. Ein besonders unerschrockener Teil der Gruppe nahm nach der Rückkehr zur Hütte erst einmal ein kurzes Bad im Valzifenzbach. Abends gab es fabelhaften Linseneintopf und zum Nachtisch Obstsalat.

Der zweite Tourentag begann mit perfektem Wetter. Die Gruppe, die am Vortag die LVS‑Übung durchgeführt hatte, ging nun auf den Schneeberg und folgte dabei derselben Route der ersten Gruppe. Die zweite Gruppe überschritt das Valzifenzjoch, das auf dem gleichen Grat wie der Schneeberg liegt, nur weiter südlich, und fuhr auf der anderen Seite über das kupierte, wenig steile Gelände ab. Im unteren Bereich begann die Wegsuche an der Kante zum Vergaldatal bis der Übergang gefunden war. Anschließend folgten wir orographisch rechts des Vergaldenbachs nach Vergalda ab.

Weil der Dorfladen noch nicht offen hatte, waren wir gezwungen, auf dem Sonnendeck am Vergaldalift eine Pause einzulegen; zum Glück war dieses gut bewirtet. Am Abend gab es Salat, Kartoffelsuppe und frisch gebackene Rohrnudeln mit Zwetschgenröster und Vanillesoße. Nachdem alle den zweiten oder dritten Nachschlag genossen hatten, war kaum jemand noch in der Lage zu einer ausgedehnten Tourenplanung. Man war sich schnell einig, dass am letzten Tag die Tiefschneeabfahrt im Vordergrund stehen und keine sportlichen Höchstleistungen mehr vollbracht werden sollten.

Am Sonntag starteten zwei Gruppen bei strahlendem Sonnenschein kurz nacheinander in Richtung Rotbühelspitze. Wir legten unsere Spuren in den frischen Pulverschnee und bewerteten immer wieder die schneebedeckten Hangabschnitte. Unterhalb des Valzifenzgrats auf 2 400 hm erklärten wir den Aufstieg für beendet. Kurz darauf ist auch die zweite Gruppe zu uns auf die verschneite Kuppe gestoßen.

Nach einer gemeinsamen Mittagspause fuhren wir die Pulverhänge in zuvor besprochener Variante in Richtung Madrisahütte ab. Bei der Hütte angekommen, war noch genügend Zeit für einen Snack in der Sonne, bevor wir gegen 14 Uhr nach Gargellen zur Bushaltestelle abfuhren. Gegen kurz vor 22 Uhr erreichten wir – mit einem gemütlichen Dönerstopp in Ulm – den Karlsruher Hauptbahnhof.

Tolle und lehrreiche Tage lagen hinter uns, müde aber glücklich mit den gemeinsamen Erinnerungen der letzten Tage im Gepäck, löste sich die Gruppe in alle Himmelsrichtungen auf.